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Besuch in einer Stricknation

Endlich in Oslo auf dem Strickfestival – den Besuch im Norweger-Strickwunderland habe ich mir schon lange gewünscht. Die Strickpullover, Handschuhe und Mützen mit den Norwegersternen bewundere ich seit fünfundzwanzig Jahren. Seit meine norwegische Freundin Helene mir die ersten Anleitungshefte von Dalegarn aus ihrer Heimat mitgebrachte. Für sie war das nichts Besonderes, denn stricken kann in Norwegen nahezu jeder. Für mich zeigte sich in den Heften eine neue, komplizierte und aufregende Stricktechnik. Und nicht nur, dass Strickfreundin Annemor Sundbø mir vergangenen Sommer so viel über die norwegische Stricktradition, unter anderen die aus Setesdal mit den ‚Läusemustern‘, erzählt hatte. Dann hatte ich mir auf dem Edinburgh-Yarnfest ja noch die neue Bibel des Selbu-Handschuh-Strickens gegönnt: ‚Selbuvotter‘ von Anne Bårdsgård.

Die Reise in die norwegische Hauptstadt war überfällig. Und vier Strickfreundinnen aus Berlin sahen das genauso, also machten wir uns auf den Weg. Die Vorhut, die schon zwei Tage früher vor Ort war, berichtete enthusiastisch von den Strickgeschäften, die sie, dank akribischer Planung, fast alle in den zwei Tagen besucht hatte.

Hier unsere vier Favoriten. Leider fehlt hier ein Foto von Nummer vier, Heimen Husfliden, einem Kaufhaus mit einer Handarbeitsabteilung in der  ausschließlich beste heimische Wolle verkauft wird und der wir Wochen hätten verbringen können. Wenn nicht Fru Kvist fast die gesamte Isager-Palette im Laden gehabt hätte.

Laila Henriksen heißt die Färberin, die hinter Værbitt steckt. Ihr Laden liegt im Trend-Viertel Grünerløkka und sie zeigte uns ihre Färbeküche im Hinterzimmer.

Im Pickles gibt es nur die hauseigene Wollmarke, die mit den Anleitungen ausschließlich über das Ladengeschäft und den Online-Shop vertrieben wird. Mit Wolle und Anleitung für das Babykleid bin ich mehr als zufrieden.

 

 

Wie wichtig Stricken in Norwegen genommen wird, zeigt schon die Tatsache, dass es auf der der offiziellen Homepage der Hauptstadt eine Karte mit den wichtigsten Woll-Geschäften gibt.

Zum Vergleich habe ich mal nachgeschaut. Ravelry zeigt im Berliner Stadtgebiet zweiunddreißig Wollgeschäfte (da sind Spandau und Köpenick mitgezählt) wobei Berlin 3,6 Millionen Einwohner hat. Oslo zählt 681.000 Einwohner und listet siebzehn Wollgeschäfte bei Ravelry. Das heißt, auf  40.000 Menschen kommt in Oslo ein Strickgeschäft, in Berlin teilen sich 120.000 Menschen eines.

Der Stellenwert von Wolle im Alltag ist enorm. In den kalten, langen Wintern werden Wollhandschuhe und (selbst)gestrickte Wollpullover sehr gerne getragen. Mich interessierte natürlich, mit welcher Wolle die Wunderwerke gestrickt werden. Die beiden großen Wollhersteller sind Dalegarn und Sandnes. Sie sind in den meisten Wollgeschäften vertreten. Der einzige der seine Wolle auch in Deutschland verkauft (und einen deutschsprachigen Web-Auftritt hat), ist Sandnesgarn. Dalegarn ist in den USA stark vertreten. Dann sind da noch Rauma und Hillesvåg, die hauptsächlich norwegische Wolle verarbeiten und eine riesige Farbpalette bieten sowie kleinere Wollhersteller wie Leine Merino, Telespinn oder die Selbu-Spinnerei.

Leine Merino ist die Marke von Züchter Bjørg Deinboll, der es sich in den Kopf gesetzt hat, die feinste norwegische Merinowolle zu produzieren. Nicht nur, dass er dazu portugiesische Merinos importierte. Er lässt auch regelmäßig tiefgefrorenes Sperma australischer Merinos einfliegen, um Schafe zu züchten, welche ganz besonders kuschelige Wolle liefern. Das Ergebnis konnte ich auf dem Strikkefestival anfühlen und es ist tatsächlich Wolle, die sich perfekt für Babykleidung eignen würde. Wenn man sich nicht selber damit verwöhnen möchte.

Telespinn eine neue, kleine Spinnerei, die Merinoziegen hält und deren Wolle in der Flocke färbt und dann verspinnt.

Auf die Selbuspinneri war ich besonders gespannt, denn für das Buch ‚Selbuvotter‘ hat diese Spinnerei in Zusammenarbeit mit Museen und Anne Bårdsgård ein besonders feines und gleichzeitig strapazierfähiges Garn entwickelt, mit dem sich die alten Musemsstücke nachstricken ließen.

 

 

Das Strickfestival selbst besuchten wir nur an einem Tag. Der Transport mit dem Bus lief reibungslos. Die Location war herrlich, denn das Ereignis fand im Freilichtmuseum statt. In Vorhof und Eingangsbereich verteilten sich die Stände. Es gab verschiedene Vorträge über norwegische Schafrassen, über die Autorin des ersten Strickbuch-Klassikers, Annichen Sibbern Bøhn, die, 1928, ‚Norske Strikkemonstre‘ (Norwegische Strickmuster) veröffentlichte und ähnlich herrlich abwegige, aber herrlich interessante Themen.

Der Nachteil:  fast alle Vorträge und viele workshops fanden auf Norwegisch statt. Das Norwegische Kulturhistorische Museum zeigte zum Trost eine kleine Ausstellung über die norwegische Stricktradition mit englischem Begleittext.

 

 

Auf dem Gelände verteilt gab es in den einzelnen Häusern freie Angebote oder etwas zu Schmausen. Sehr beeindruckend die Stabkirche, deren Säulengrundbau aus dem 13. aus dem Jahrhundert stammt. Aber weil es heftig regnete, verweilten wir nicht lange und verkrümelten uns lieber in ein Haus in dem vorne, auf der Veranda, strickende Frauen saßen. Dort wurden wir freudig begrüßt – fünf Strickerinnen aus Berlin waren schon etwas Besonderes – und stolz wurde gezeigt worum es hier ging: Um das Stopfen, Weitertragen und Wertschätzen. Wer lange an einem gemusterten Pullover strickt, dem blutet natürlich das Herz, wenn die Ellbogen durchgescheuert sind oder die Ärmelbündchen ausfransen oder der Handschuh, die Socke, Löcher bekommen.  In Norwegen wird besonders gern mit reiner Schurwolle gestrickt. Auch eine Superwash-Ausrüstung ist nicht besonders beliebt. Wer naturverbunden ist, den stört die damit verbundene Umweltbelastung. Und wer viel strickt, der weiß, dass Wolle sowieso im Wollwaschgang in der Maschine gewaschen werden kann. (Wenn sie gewaschen werden muss, gute Wolle muss nicht oft gewaschen werden). Wer, wie in Norwegen üblich, seine Freizeit draußen verbringt, weiß die isolierende und wasserabweisende Qualität reiner Naturwolle zu schätzen.

Aber, das steht auf der Negativseite: reine Schurwolle trägt sich ab und dann entstehen fadenscheinige Stellen. Es ist besser hier gleich zu stopfen, wurde uns erklärt, bevor Löcher entstehen. Aber auch Löcher können geflickt werden. Der Pullover muss nicht weggeworfen werden. So kann ein Teil, dass die Großtante vor sechzig Jahren gestrickt hat, mit Stolz von der Großnichte weitergetragen werden, denn Retro ist gerade wieder in.

Davon abgesehen, dass einige Muster überhaupt nicht aus der Mode kommen, wie die klassischen Selbu-Handschuhmuster. Da werden gerade die Kindergrößen über Generationen getragen. Wenn das nicht nachhaltig und nachahmenswert ist!

Ach ja, ich wurde gefragt, ob ich Annemor getroffen hätte, was leider nicht der Fall war. Aber wer sich für Norwegisches Stricken interessiert, dem sei die Frankfurter Buchmesse ans Herz gelegt. Dort ist Norwegen in diesem Jahr Ehrengast und sowohl Annmor Sundbøals als auch Anne Bårdsgård werden da sein.

Damit im Übrigen nicht der Eindruck entsteht, wir hätten nix im Kopf gehabt außer Wolle: Wir haben natürlich auch das Oslo-Sightseeing-Programm absolviert und wir waren begeistert. Auch von der Vielzahl wirklich guter Cafés – in denen wir natürlich strickend saßen. Aber da waren wir nicht die einzigen. Insofern kann man sagen, dass wir wirklich angekommen waren, im Strickland Norwegen.

 

 

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