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In Estland wird Stricken an der Universität gelehrt – Textilkunde und Mode-Design in estnischer Tradition

Das ZDF zeigte einen 2-Minuten-Beitrag über Stricken in Estland. Phantastisch! Eine tolle Gelegenheit, einem großen Publikum zu zeigen, was es mit den Handschuhen im Baltikum auf sich hat. Mir lief quasi das Wasser im Mund zusammen vor lauter Vorfreude. Endlich sollte sogar im Fernsehen gezeigt werden, warum ich so begeistert bin von der dortigen Strick-Kultur.

Aber außer, dass in Estland ein paar Studenten an der Universität stricken und ein Strickwaren-Start-up gezeigt wurde, ist nicht viel hängen geblieben.

 

 

Ich verstehe ja auch, dass sich in zwei Minuten nicht so wahnsinnig viel erzählen lässt. Zumal das Format ‚Heute in Europa‘ eher darauf zugeschnitten ist, über kleine Kuriositäten zu berichten.

Ich erzähle jetzt mal, was es mit Stricken an der Universität in Estland wirklich auf sich hat:

Stricken ist im Trend, keine Frage. Der Gesamtmarkt für Handarbeiten wird in Deutschland auf 1,2 Milliarden Euro beziffert. Klar, das bezieht sich jetzt nicht nur auf Stricken, aber auch für einen Teil davon lässt sich viel Wolle kaufen. Gestrickt werden damit hier bei uns Schals, Pullover und Socken unter eher modischen Gesichtspunkten. Was in Estland mit Wolle angestellt wird, das ist etwas Besonderes. Dort wird Stricken so ernst genommen, dass sich Studenten der Universität Tartu im Bachelor-Studiengang Textilkunde auf Stricken spezialisieren können. Klingt kurios, macht aber Sinn, wenn man genauer hinschaut.

 

 

Ich war dort, habe mit der Leiterin des Studiengangs Textilkunde, Ave Matsin gesprochen. Habe die Initiatorin, Gründerin und guten Geist dieses Studiengangs, die Weberin Anu Raud, in Heimtali besucht. Und habe an Sommerkursen der Universität teilgenommen, in denen ich von Meisterstrickerinnen, wir Kristi Jõeste oder Riina Tomberg unterrichtet wurde.

Stricken an der Universität – das klingt in deutschen akademischen Ohren zuerst nicht ganz seriös. Aber wir befinden uns in Estland, dem baltischen Staat mit 1,3 Millionen Einwohnern und der langen Grenze zu Russland. Als der baltische Staat nach dem Rückzug Russlands 1991 erstmals nach Jahrhunderten souverän war, wurde auch das Bildungssystem neugestaltet. Und das funktioniert richtig gut. Bereits Ende der neunziger Jahre hatte jede Schule einen Internetzugang. Im Pisa-Ranking 2015 erreichten estnische Schüler, zusammen mit den finnischen, den Spitzenplatz. Das nur um zu zeigen, dass Bildung in Estland ernst genommen wird und Stricken nicht gelehrt wird, weil die Studenten zu blöd für Naturwissenschaften wären.

Die Ausbildung zu vielen Handwerksberufen wurde bei den Universitäten angesiedelt, weil die Bachelor-Studiengänge nicht nur den praktischen Teil, sondern auch den theoretischen und kaufmännischen Teil, der in Deutschland von Berufsschulen gelehrt wird, umfassen. Und weil das Land eben sehr klein und dünn besiedelt ist. Ohne zentrale Ausbildungsorte geht es nicht.

Was heute getragen, gewebt und gestrickt wird, hat sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte herausgebildet. Seit 1219 wurde das heutige Estland von wechselnden Machthabern beherrscht – von Dänen, dem Deutschen Orden, Polen-Litauen, Schweden, Russland, Deutschland und dann der Sowjetunion. Allein zwischen 1918 und 1940 gab es eine kurze Phase der Souveränität. Es war über Jahrhunderte eine Frage des Selbstbewusstseins und der Selbstdefinition, dass sich das einfache, regierte Volk über die Kleidung identifizierte. Egal wer gerade regierte. Die Menschen haben sich über die Kleidung definiert. Über den Handschuh, wenn man so will. Deswegen wird in Estland das Stricken so furchtbar wichtig genommen.

Seit wann in Estland gestrickt wird, und ob in anderen Ländern Europas schon länger die Nadeln geschwungen werden, darüber lässt sich trefflich streiten. Das ist sicherlich auch irgendwann einmal ein weiterer Blog-Beitrag. Anu Pink beschrieb in ihrem Vortrag auf dem Nordic Knitting Symposium in Viljandi, Strick-Funde auf einem Friedhof in Joūga mit blauen und roten Mustern, die auf das 13.-14. Jahrhundert datiert wurden. Das heißt, dass damals schon dezidierte Muster gestrickt wurden! Ich finde das so spannend, weil sich also damals schon Menschen mit unterschiedlich gemusterten Strickteilen kleideten.

 

 

Akkurate Zeugnisse über regionaltypische gestrickte Jacken gibt es allerdings erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts, I. Manninnen beschreibt in seinem Buch über estnische Volkstrachten gestrickte Jacken von Muhu und Kihnu. Das ist allerdings nicht auf meinem Mist gewachsen, so etwas weiß Meisterstrickerin Riina Tomberg die von der Geschichte der Strickjacken auf den Westlichen estnischen Inseln in ihrem Buch ‚Vatt, Tri, Vamsa – knitted Jackets from West-Estonian islands‘ erzählt.

Bis zum heutigen Tag orientieren sich die Muster und Farben in der traditionellen Kleidung nach den früheren Pfarrbezirken. Viele dieser kleinen Einheiten, bzw Inseln – Estland hat 1500 Inseln – haben ihre ganz eigene Tracht. Die Insel Kihnu beispielsweise gehört mit diesen Trachten und der Lebensweise zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe. Hierher kommen die Kihnu-Trois, weiß-blau gemusterte Pullover, mit den Bordürenmustern in Rot. Auf Saarema und Ruhnu sind es eher plastische Reliefmuster aus verschränkten Maschen (nicht Zöpfen), immer in naturweiß. Oft findet sich an den Bündchen der Pullover, Socken und Handschuhe eine dunkelblaue oder schwarze Bordüre. Und auf Muhu wird orange mit rosa und gelb kombiniert. Die Nadelstärke, mit der gestrickt wird liegt übrigens zwischen 1 und höchstens 1,5 – alles andere ist für Touristen.

 

 

Anu Raud erklärte uns, den Teilnehmern des Nordic Knitting Symposiums, als wir sie im Sommer 2018 in Heimtali in ihrem Atelier besuchten, dass es für ein kleines Land wie Estland enorm wichtig sei, die eigene Identität zu bewahren. Gerade in der globalisierten Welt von heute müsse ein Land sein eigenes Gesicht haben. Und in Estland gehört nach ihrer Meinung die traditionelle Kleidung dazu. Wie es in vielen westlichen Ländern der Fall ist tragen junge Menschen, die gerne in der Stadt leben, immer weniger die traditionelle Kleidung. Um dem Verschwinden der Tracht entgegenzuwirken und traditionellen Handarbeiten eine Zukunft zu geben, setzte sich Anu Raud für einen Studiengang ‚Traditionelle Estnische Handarbeiten‘ ein und etablierte ihn an der Viljandi Culture Academy, die zur Universität von Tartu gehört. Wer an der Viljandi Culture Academy Estnisch Stricken lernt, der lernt nicht nur Stricken. Es wird auch vermittelt Kollektionen zu entwerfen und sein eigenes Label zu vermarkten. Wie Mode-Studenten es an vielen Universitäten der Welt lernen. Das Einzigartige hier ist der Bezug zur eigenen Stricktradition. Klar, dass hier zwei Minuten eigentlich viel zu kurz sind.

 

 

Kurze Vorstellung der meisterhaften Strickerinnen:

Kristi Jōeste, hat einen Bachelor of Arts sowohl in Semiotik als auch in Traditioneller Estnischer Textilkunde von der Universität Tartu. Sie ist Autorin dreier Strick-Bücher, bzw Co-Autorin des wichtigsten Strickbuchs ‚Estonian Knitting‘. Ein Buch das bisher leider nicht auf Deutsch erschienen ist, das aber so grundlegend ist, dass es in keiner Strickbibliothek fehlen sollte. Inhaltlich ist es so dicht, dass aus jedem der zehn Kapitel ein eigenes Buch werden könnte. Sie betreibt ein kleines Unternehmen, ulas, über das sie ihre Produkte vermarktet und sie unterrichtet an Viljandi Culture Academy. Vielen englischsprachigen Strickerinnen ist sie bekannt, weil sie 2017 bei der Shetland woolweek dabei war

 

Anu Pink ist der Technikfuchs unter den estnischen Meisterstrickerinnen. Neben ihrer Arbeit als Fachredakteurin für Strickbücher und Strickbuch-Autorin strickt sie auch noch in ihrer Freizeit. Vergangenes Jahr gestaltete sie mit Siiri Reimann die Ausstellung ‚Eesti Valge’, Estnisches Weiß, in der, was sonst, weiße Strickarbeiten gezeigt wurden.  In ihrer Master-Arbeit beschäftigte sie sich mit den regionalen Variationen von Sockenfersen in Estland aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Sie fand dreißig Varianten! Auch sie unterrichtet an der Viuljandi Culture Academy.

Riina Tomberg ist Mode-Designerin, ihre Modelle verkauft sie vor allem in Tallinn. Ihr Strick-Spezialthema sind die Traditionen auf den westlichen estnischen Inseln. Und natürlich lehrt sie auch an der Viljandi Culture Academy.

Und last but not least: Anu Raud auch sie ist nicht in erster Linie Strickerin, sie leitet das Handarbeitsmuseum in Heimtali, eine Zweigstelle des Estnischen Nationalmuseums. In Heimtali befindet sich auch die Werkstatt der Kunst-Professorin, in der sie ihre Web-und Knüpfarbeiten fertigt. Von ihr gibt es das Strick-Buch ‚Kiri Kari‘, auf Englisch ‚Pattern Puppets‘ mit phantasievollen und nachstrickbaren Handpuppen und Tieren.

 

Ach ja. Da der Beitrag nur noch bis Ende des Monats in der Mediathek zu sehen sein wird, hier noch kurz eine kleine Zusammenfassung dessen, was mir zu wenig war.

‚Mit neuen Mustern und neuen Wolltrends‘ würden die Märkte erobert, so wird der Beitrag in der Mediathek beschrieben.

Im Film wird der Bachelor-Studiengang ‚Textilkunde‘ angerissen, aber nicht erklärt.

Wenn in einem der drei O-Töne , die sich aufs Stricken beziehen, Kristi Jõeste sagt, dass Handschuhe für das visuelle Gedächtnis in Estland eminent wichtig sind, ist das, aus dem Kontext herausgelöst, nicht wirklich zu verstehen.

Wenn im zweiten der drei O-Töne eine junge Frau, in einer Strickrunde sitzend, erklärt, ‚Stricken sei für die ‚Digi (talen)-Menschen‘ so schön entspannend‘, weiß der Zuschauer nicht, ob die Frau tatsächlich Stricken studiert (wie in der Anmoderation kurz angerissen, dann aber nicht mehr erklärt) oder ob sie sich nach dem Studium mit der Strickgruppe trifft.

Wenn wiederum Kristi Jõeste im dritten O-Ton erklärt, dass in Estland rote Farben benutzt werden um das Böse abzuwehren, hört sich das für den Zuhörer so an, als würden die Esten sich heutzutage Handschuhe mit einem roten Faden stricken, um vor Üblem geschützt zu sein.

Auch das junge Start-up  ‚Woolish‘ hätte es sicher verdient gehabt namentlich erwähnt zu werden. Und dass in Estland traditionell Elchmuster  und Zopfmuster gestrickt werden, ist nicht wirklich richtig.

Da in Deutschland der öffentlich-rechtliche Rundfunk von einer Abgabe finanziert wird die jeder zahlen muss, haben die Sendeanstalten zum einen sehr viel Geld zur Verfügung. Zum anderen haben sie, gerade wegen ihrer finanziellen Unabhängigkeit, den Anspruch, besonders gut zu recherchieren um ihrem sogenannten ‚Bildungsauftrag‘ nachzukommen. Stricken in Estland ist eine tolle Geschichte. Vielleicht gibt es demnächst einen etwas ausführlicheren Bericht im Fernsehen. Den werde ich mir natürlich ebenfalls ansehen.

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