Stricktraditionen, Wolle und ihre Geschichten

Wolle fasziniert mich, in all ihren Facetten: Die Wolle unterschiedlicher Schafrassen, in Naturtönen oder gefärbt – sehr spannend! Wo wird überhaupt Wolle gefärbt und gesponnen und von wem? Wie wird die Wolle dann verstrickt, mit welchen Techniken? Das sehe ich mir leidenschaftlich gerne an. Und ich stricke selbst – natürlich – ebenso leidenschaftlich.

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Meine gesamte Familie hat sich daran gewöhnt, bei Urlaubsreisen Wollgeschäfte in das touristische Programm aufzunehmen. Auch wenn ich mich manchmal frage, ob es nicht vielleicht doch etwas übertrieben ist, fünfzehn Stunden mit der Fähre von Aberdeen nach Lerwick auf Shetland zu fahren um die beiden dortigen Wollgeschäften zu besuchen.

Aber: Ich liebe die Abwechslung, die Kreativität und das Handwerkliche am Stricken. Um was es mir aber eigentlich geht, das merke ich beispielsweise in Hamburg in der Weidenallee 12  im hellen, freundlichen ‚Mylys’. Solltet Ihr Hamburg besuchen: Unbedingt vorbei schauen.

Wenn ich die vielen bunten Farben im weißen Wollregal sehe und ein Knäuel echte Shetland-Wolle, egal ob von Jamieson’s oder von Jamieson & Smith in die Hand nehme.

 

 

Wolle erzählt Geschichten. Die eine Wolle hat mehr ‚Persönlichkeit’, die andere weniger. Zuerst sehe ich nur Äußerliches – ob die Wolle noch ihre Naturfarbe hat oder ob sie gefärbt wurde – und wenn ja, ob eher mit künstlichen oder mit Naturfarben.

Das Etikett sagt mir, ob es reine Wolle ist oder ob andere Fasern beigemischt wurden und gibt mir mit der Lauflänge und der Maschenprobe erste Verarbeitungshinweise. Die Gestaltung des Etiketts sagt einiges über die Hersteller der Wolle.

Aber wenn ich so ein Garnknäuel zum Beispiel aus Shetland in die Hand nehme und erst recht, wenn ich anfange damit zu stricken, erzählt es mir noch viel mehr.

Garn ist hergestellt aus Wolle verschiedenster Schafrassen. Jede Schafrasse hat spezifische Eigenschaften. Die Region, in der eine Schafrasse lebt, hat Einfluss auf das Haarkleid, das vor Wind, Nässe oder Kälte schützt. Und die Menschen, die in dieser Region leben, machen sich die Eigenschaften dieser Wolle zunutze. Sie entwickeln Stricktechniken und Muster, die auf die Bedürfnisse ihrer Region und die Eigenschaften der hier vorhandenen Wolle abgestimmt sind.

 

Die Wolle der Shetland-Schafe ist zum Beispiel für die Fair-Isle-Muster hervorragend geeignet, weil sie sich leicht aufplustert und so ein herrliches Musterbild ergibt, aber auch für federleichte Lace-Schals die dennoch wunderbar wärmen. Weil die Shetland-Schafe das ganze Jahr über frei auf der Insel herumlaufen, wärmt und isoliert ihre Wolle. Bei den klassischen Fischerpullovern, den Ganseys, ist das Muster nur oben zu sehen, weil es nur oben aus der Fischerhose herausschaute und die Ganseys sind sehr, sehr fest gestrickt, damit der Seewind nicht hindurchbläst.

Das Knäuel Wolle erzählt mir von Shetland. Vom Stricken als Teil der regionalen Identität. Ob ein Janker jemanden als Bayern oder ein Pulli seinen Träger als Seemann kennzeichnet – die Kleidung bildet das Selbstverständnis ab. Und ist Teil des Bildes, welches man sich von der Region macht, sei es Estland, Island oder Norwegen. In ganz Europa entstanden in vielen Regionen einzigartige, besondere Stricktechniken und Strickmuster als eigenes Kulturgut

Früher wurde Kleidung aus den Materialien hergestellt, die in der nächsten Umgebung vorhanden waren. Wolle wurde von Hand gesponnen oder, später, in einer örtlichen Spinnerei gefertigt. Es wurde mündlich überliefert, wie die Fasern, von der Schur, über das Spinnen zum Stricken oder Weben am besten zu behandeln sind. Einige Familienbetriebe, die in handwerklicher Weise Wolle aus der Region verarbeiten, existieren noch. So wie die beiden Woll-Hersteller auf Shetland.

Das fasziniert mich, und ich finde, dass diese Geschichten weitererzählt werden müssen, um die Traditionen lebendig zu halten.

Hinzu kommt: Wer strickt, ist Teil einer bunteren Welt. Stricken mit guter Schafwolle ist nachhaltig. Es unterstützt Schafhalter in der Region, die mit ihren Herden auch noch Landschaftspflege und Naturschutz betreiben. Es unterstützt kleine Betriebe, die Wolle spinnen und färben, so dass alte Handwerke weiterleben können.

Mir stellt sich also eher die Frage, wie irgendjemand nicht stricken kann. Wer sich die Frage stellt, warum ich Stricken für ein Kulturgut halte, für den schreibe ich diesen Blog. Ich freue mich über Begleitung bei meinen Woll-Unternehmungen.

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