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Wolle färben – der Anfang

Am Wochenende beginnt für mich ein Highlight dieses Jahres: Das Nordic Knitting Symposium in Estland.

In der alten Hansestadt Viljandi treffen sich über hundert Frauen aus aller Welt um die Feinheiten skandinavischen, baltischen und – und das ist in diesem Jahr das ganz Besondere – russischen Strickens kennenzulernen. Ich freu‘ mich riesig. Zumal es dann noch zwei Wochen weitergeht mit Strick- und Woll-Ereignissen. Davon werde ich in den kommenden Blog-Beiträgen berichten.

Zuvor möchte ich aber noch über so eine Art Urknall erzählen, der bei mir im vergangenen September stattgefunden hatte. Dazu beigetragen hat eine Frau bei der ich mich auf diesem Weg noch einmal ausdrücklich bedanken möchte: Margit Hoffmann aka Alte Künste. Ihre herrliche, mitreißende Art über das Wolle färben zu erzählen hat bei mir eine kleine Sucht ausgelöst. Das Thema hat so viele Facetten, über die ich nach und nach schreiben möchte. Aber von der ersten Färbe-Session wollte ich unbedingt noch vor der Estland-Reise erzählen.

 

 

Das Färben fand in Bielefeld eben mit Margit Hoffmann statt. Was für ein Glückstreffer! Diese Frau kennt sich nicht nur großartig mit Naturfarben aus, den Eigenschaften der verschiedenen Färbepflanzen und wie unterschiedliche Farbtöne erzielt werden können. Auch ihre Kenntnis der Geschichte des Färbens und der einzelnen Färbemethoden ist enorm. Kein Wunder: Sie ist studierte Historikerin.  Und ihre Beziehung zu den Färbepflanzen ist geradezu persönlich. Während der Wartezeiten bei den verschiedenen Arbeitsschritten des Färbens erzählte sie unglaublich spannend von den Eigenheiten der verwendeten Pflanzen.

Zum Einen färbten wir mit Annattosaat. Ein kräftiges Gelb sollte es also werden. Margit Hoffmann klassifizierte die unscheinbaren braunen Körnchen, die eingeweicht in einem alten Kopfkissenbezug lagen, als ‚Rampensau’ der Naturfarben: „Das ist eine Farbe, die schreit sofort ‚Hier’, wenn es ums Färben geht.“ erklärte sie, „Die gelingt immer, die drängt sich an die Wollfasern und bleibt dort hängen. Die drängt sich auch vor – die verdrängt alle anderen Pigmente von der Anlagerung. Die geht als erste an die Wolle und schreit nur „Ich, Ich, Ich.“

Nachdem die – wir lernten: das heißt jetzt ‚Färbeflotte’ – sich abgekühlt hatte, hängten wir sechs Stränge Wolle wir auf die Stäbe, tauchen sie unter die Wasseroberfläche und verkanteten die Hölzer zwischen den Topfwänden, so dass die Wolle schön unten schwamm. Eine Dreiviertelstunde zog die Wolle vor sich hin. Und Margit Hoffmann erzählte weiter vom Färben. Eine Erkältung machte sich mit Niesern und Schnupfen bemerkbar und ließ ihr zwar ab und zu die Stimme wegbrechen. Aber ich hatte das Gefühl: Wenn es ums Färben geht kennt die Frau keinen Schmerz. Sie erzählte und erzählte und mich beschlich das Gefühl, dass ich mich eigentlich wahnsinnig für Chemie interessiere und gerne etwas mehr über die Verbindungen und Wirkungen von Kaliumaluminiumsulfat, Weinstein, Pottasche und Eisenwasser wissen möchte. Ungeheuer spannend das Ganze!

Denn um den Samen, Blüten und anderen Pflanzenbestandteile die Farbpigmente zu entlocken werden sie, beispielsweise mit Eisen- oder Kupferwasser, entwickelt. Die Färbe-Expertin änderte die alten Färberezepte, die noch mit hochgiftigen Stoffen wie Blei und Zink arbeiteten. Ihre gefärbte Wolle verkauft sie übrigens auf Märkten und über ihren Online-Shop.

 

 

Als nächstes war Färben mit Cochenille vorgesehen. Diese Farbe ist definitiv nicht vegan: Es sind getrocknete Cochenille-Läuse. Ganz schön große Viecher mit einem Durchmesser von ein bis zwei Millimeter, die ursprünglich aus Südamerika kamen. Und ein kräftiges, strahlendes Pink bis Lila auf die Wolle bringen. Eine Farbe, die früher Kaisern und Königen vorbehalten war. Im alten Rom gewonnen aus Purpurschnecken, dann,  in einer weiteren Verbreitung, seit den 1540er Jahren etwa, aus Cochenille-Läusen. Es hatte etwas gedauert, bis die spanischen Eroberer kapiert hatten, dass die angebotenen Tributzahlungen aus Südamerika mindestens so wertvoll waren wie das verlangte Gold. Dann aber florierte der Handel, die Europäer waren verrückt nach der Farbe und ein Viertel der spanischen Staatskasse wurde durch den Handel mit der Farbe gefüllt.

Ich finde die Bedeutung der Farben, und ihre Geschichte sehr interessant. Zu wissen, dass Farben und damit diejenigen die sie tragen, in einer Jahrhunderte langen Tradition stehen und nicht in einem luftleeren Raum, das macht einfach Spaß.

Auch die nächste Farbe, Indigo, entführte uns in andere Welten. Zunächst in die Chemie, denn es ist etwas umständlicher, mit Indigo zu färben. Der Farbstoff ist nicht wasserlöslich, muss also erst in Indigo-Weiß umgewandelt werden, welches sich an der Wolle anlagert. Das ist auch so etwas Besonderes bei Indigo: Weil sich die Farbe nur anlagert, gibt es einen Farb-Abrieb. Das kennen wir ja eigentlich von den Jeans. Wenn die Wolle dann aus dem Farbbad gehoben wird, reagiert das Indigo-Weiß mit dem Sauerstoff und färbt sich blau. Das ist wirklich sensationell zu beobachten! Heißt aber auch, dass man wirklich aufpassen muss, damit nicht eine Luftblase in den Färbetopf gelangt. Und dann wieder die tollen Geschichten dazu die, speziell beim Indigo, viel mit der deutschen Historie zu tun haben. Mit dem Niedergang der Färber-Waid-Produktion im Dreißigjährigen Krieg, mit der Erfindung und Produktion des synthetischen Indigos durch die BASF und die IG-Farben und dem Niedergang des englischen Indien-Monopols. Es gab also einiges zu tun für Kopf und Hand.

 

 

Und es gibt noch sooo viel mehr auf diesem Gebiet! Das hier wird bestimmt nicht mein letzter Beitrag zum Thema ‚Färben‘ sein. Wer  mehr von Margit Hoffmann sehen und hören möchte: Im Fruity Knitting Podcast Episode 6 wird sie interviewt.

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