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Woll(e)ldorado in Litzldorf

Im Mai gab es einen sehr spannenden Termin: Die Schafwollspinnerei Höfer in Litzldorf feierte ihr 75-jähriges Betriebsjubiläum. Spannend deshalb, weil alles damit anfing, dass die Maria Höfer etwas von ihrem Mann, dem Hans wollte.

Die begeisterte Strickerin Maria Höfer brauchte unbedingt eine Maschine zum Kämmen der Rohwolle. Also fragte sie den Gemahl, er möge ihr doch eine konstruieren. „Wenn Du Lokomotiven bei Krauss-Maffei bauen kannst, kannst Du mir auch eine Woll-Datschn bauen“. Und der Hans machte sich gleich daran. Er fuhr von Litzldorf am Wendelstein nach München ins Deutsche Museum und suchte nach alten Bauplänen. Auf Schrottplätzen, den „Glumpgruben“, fahndete er nach brauchbaren Teilen, nach Fahrradketten und Keilriemen. Zwei Jahren bastelte er, bis sich die Rollen der Datschn drehten. Das war 1947 – und mit Marias Maschine begann die Geschichte des Höferschen Familienbetriebs, der bis heute existiert und in Bayern, ja wahrscheinlich sogar in ganz Deutschland einzigartig ist.

 

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Die Höfers spinnen jetzt schon in der dritten Generation Wolle. In ihrem Betrieb bei Bad Feilndorf entsteht auf althergebrachte Art ein Produkt, das für viele Kunden gerade deshalb wieder heiß begehrt ist: es ist fair, ökologisch und regional. Das Rohmaterial kommt aus der Umgebung, es wird in einem Familienbetrieb handwerklich verarbeitetet und im eigenen Laden verkauft.

Junior-Chef Matthias, 33, ist mit der Wolle aufgewachsen.  Mit zehn Jahren schon schraubte er zusammen mit dem Großvater die Maschinen zusammen. Er lernte Industriemechaniker, um für die Maschinen auch jedes Ersatzteil selber bauen zu können. Vater Andreas, 59, kann sich auf seinen Nachfolger verlassen. Er selbst half den Eltern schon als Kind im Betrieb. „Spinnen, das habe ich als kleiner Bub gelernt und mir so mein Taschengeld verdient. Ich habe noch drei Geschwister – zwei Brüder und eine Schwester. Die haben auch immer im Betrieb geholfen, aber mich hat es wirklich gepackt. Ich habe dann auch Textilveredler gelernt.“ Mit 21 Jahren übernahm Andreas Höfer 1987 die Spinnerei und baute für die inzwischen angeschafften Maschinen eine Produktionshalle. Dort entsteht aus der Rohwolle das hauseigene Strickgarn.

 

 

Wenn die Wolle vom Waschen aus dem Ötztal und die gefärbte Wolle vom Färben aus Oberfranken kommt, landet sie in der Wolferei – wo auch Farben gemischt werden. Wenn etwas eine hellgraue Wolle entstehen soll, wird zu weißer Wolle ein kleiner Anteil schwarze Wolle in den Trichter gefüllt. Auch der neue Trendton wird hier gemischt: Puderrosa entsteht aus weißer und ein wenig rot gefärbter Wolle. Drei Mal geht die Wolle durch den Wolf. Auch kleinste Fasern und Schmutz werden so noch entfernt. Was bei der ungefärbten Wolle herausfällt, wird das ganze Jahr über eingesammelt. Die Höfers pressen daraus Düngepellets. Denn Haare sind auch eine Art Horn, zusammen mit dem Stroh ist das bester Dünger für Blumen und Gemüse – wie Hornmehl, nur billiger. So sieht es zumindest Familie Höfer.

Auf der kleinen Datsch-Maschine, von 1935, mit nur einer Rolle, wird die Filzwolle kardiert. Da die Filzwolle zur Zeit besonders nachgefragt ist, läuft die Maschine auch am Wochenende. Viele Kindergärten bestellen in Litzldorf ihr Material.

Die große Kardiermaschine kämmt das Strickgarn. Das Wollflor wandert über drei mannsgroße Rollen die mit tausenden kleinen Stahlnägeln besetzt sind. So wird das Vlies immer feiner. Nach der dritten großen Rolle ist der Florteiler an der Reihe, der den federleichten Flor in 120 einzelne Streifen teilt. Sind 1000 Kilo Rohwolle gekämmt, muss die Maschine gereinigt werden. Wie eine Bürste, die ab und zu von Haaren befreit werden muss. Nur sind mit dem Säubern zwei, drei Mitarbeiter zwei Tage beschäftigt.

Das leichte Vorgarn wird auf der Spinnmaschine zu einem etwas festeren Faden gedreht.

Zur fertigen Strickwolle wird dieser Faden aber erst, wenn er auf der Zwirnmaschine mit ein oder zwei anderen Fäden zu zwei- oder dreifädigem Garn verzwirnt wurde.

„Die Maschinen sind unser großes Plus“, weiß der Senior, Andreas Höfer. „Was woanders ausgemustert und verschrottet wurde, haben wir hier gepflegt und in Schuss gehalten. Jetzt sind die Maschinen unser Vorteil. So etwas finden Sie in ganz Süddeutschland nicht. Natürlich es ein Alptraum, wenn eine Maschine ausfällt. Wenn bei unserer großen Krempel die Kratze kaputt wäre…“ Zwei Tage Stillstand – ein Alptraum. Ob er sich etwas Schlimmeres vorstellen könne? „Das Schlimmste wäre, wenn sich ein Mitarbeiter an den Maschinen verletzt.“ Aber wenn eines der Zahnräder einen Zahn verliert „Dann ist der Matthias unser Zahnarzt. Das können wir alles selber reparieren.“

Als sich Ende der achtziger Jahre die Strickwolle nicht mehr so gut verkaufte, sicherten die anderen Produktlinien dem Familienbetrieb das Auskommen.

 

 

Zum einen die handgewebten Schafwollteppiche, die auf vier Webstühlen nach Maß und Kundenauftrag gewoben werden. Die Kunden schicken ihre Farbvorstellungen, „Das soll zum Kachelofen passen oder zu den Vorhängen – wir haben schon alles gemacht.“ Er sitzt an einer der Handspinnmaschinen und lässt die bunte Wolle durch die Finger gleiten. Wie von selbst geben sie die der Maschine die genau richtige Menge Vlies um einen gleichmäßigen Faden zu drehen. Auch die vier Handspinnerinnen, die sonst hier arbeiten, spinnen aus Bergschafwolle zunächst das Garn, das dann auf Spulen gewickelt wird. Diese Spulen legen die vier Handweberinnen in das Schifferl und das wird dann in den Kettfaden hineingeschossen. Diese Arbeit macht Handspinner Andreas Höfer Spaß und er stolz auf seine Teppiche: „Bei unseren Teppichen können sie keinen Finger durchstecken. Nicht wie bei den Fleckerlteppichen die sie in den großen Möbelhäusern kaufen. Die ummanteln eine sogenannte ‚Seele’, einen Plastik- oder Kordel-Innenfaden, mit kurzfaserigem Wollflor. Aber deren Teppiche sind schnell abgelaufen – da geht man zwei Mal mit dem Staubsauger drüber und der saugt den ganzen Wollflor weg. Unsere Teppiche legen Sie höchstens weg wenn Ihnen die Farbe nicht mehr gefällt“

Zum Höferschen Sortiment gehören auch die Bettdecken aus der hauseigenen Näherei. Dort quillt aus großen Säcken wolkengleiche Merinowolle. Durch die Fenster sehen die Näherinnen schönste oberbayerische Voralpenlandschaft.

Unterbetten, Oberbetten und Kissen nähen sie dort. Und Andreas Höfer bittet auf die Quersteppung zu achten. Die fehlt bei seinen Decken aus gutem Grund: „Wir haben es nicht nötig eine Quersteppung zu machen. Eine schlechte Wollqualität, die muss man nämlich quer feststeppen, damit sie nicht verrutscht und verklumpt. Das passiert bei unserer langfaserigen Merinowolle nicht.“

 

 

Die gute Wollqualität ist den Höfers besonders wichtig. Anfang der neunziger Jahre verbrannten oder vergruben die Schäfer die geschorene Wolle ihrer Tiere, weil es niemanden gab, der bereit war Wolle zu kaufen. Einzig mit dem Fleisch der Tiere ließ sich ein Einkommen erzielen. Darunter litt wiederum die Wollqualität. Ein Teufelskreis aus dem Andreas Höfer auszubrechen versuchte. „ Ich wollte nie Wolle aus dem Ausland kaufen. Natürlich ist die viel billiger und auch feiner. Aber mit Pestiziden behandelte Wolle von wer weiß woher kaufen, wenn unsere Schäfer die Wolle wegschmeißen müssen? Das wollte ich nie machen.“ Also redete er mit den Schäfern, bat sie, darauf zu achten, dass sich Schafe mit feinerer Wolle fortpflanzen und beim Scheren die Farben zu sortieren. Richtete Wollsammelstellen ein, wohin kleinere Bauern einmal im Jahr ihre Wolle liefern konnten. Die Schäfer arbeiteten mit, weil sie wussten, dass sie einen Preis für die Wolle erzielen konnten. Die Mission des Litzldorfers ist erfolgreich: seit etwa zehn Jahren wird die Wollqualität deutlich besser. „Die Schafe hier werden gut behandelt; sie bekommen bestes Futter und die Wolle wird nicht mit Pestiziden behandelt. Das ist die beste Grundlage für unsere Produkte.“

Eine Einstellung, die sein Sohn Matthias teilt: „Die Qualität der Wolle aus Deutschland ist perfekt und es gibt auch genug Wolle hier in der Region.“ Alles macht er aber nicht wie sein Vater. Als vor drei Jahren klar wurde, dass er den Betrieb weiterführen würde, entschied er: „Wenn ich das mache, dann darf ich hier auch einiges anders organisieren. Wir hatten zum Beispiel zu viele verschiedene Lager bei den Bauern in der Umgebung. Und der Versand wurde aus einer Ecke heraus gemacht.“ Also baute Familie Höfer eine neue große Halle die pünktlich zum 70-jährigen Betriebsjubiläum fertig wurde.

 

 

Im neu errichteten Lager stehen nun Paletten mit großen, sackleinernen 500kg-Paketen mit Rohwolle aus der Wäscherei. In großen Regalen liegt Strick- und Filzwolle. Sie wird von den Mitarbeitern der Versandabteilung von Hand zusammengedreht, in braune Pappkartons gesteckt und aus dem kleinen Litzldorf in die ganze Welt verschickt. Auch ein kleines Museum mit der ersten Datsch-Maschine des Großvaters befindet sich hier. Der designierte Nachfolger richtet gerade alles ein und fühlt sich in seiner braunen ‚Strauss’-Arbeitshose und T-Shirt deutlich wohler als im weißen Hemd. In seiner Betriebsschlosserei und Fräserei ist Matthias in seinem Element. Im Obergeschoss, in dem beeindruckende schwarz-weiß Fotografien der Höferschen Maschinen an den Wänden zu sehen sind, liegen die Seminarräume. Seit dem Herbst werden hier Strick- und Filzwütige in die Geheimnisse der Wollverarbeitung eingeweiht.

Vorne, im Laden, der an der Landstraße liegt, geht alles seinen gewohnten Gang. Martina, die Frau von Andreas Höfer, ist hier nicht nur für den liebevoll eingerichteten Laden verantwortlich. Sie ist auch Kreativchefin und beispielsweise für die neuen Farben in der Palette der Strickgarne verantwortlich. Pudertöne in hellblau, zartrosa und blassgrün sind ihre neuesten Kreationen und die gehen richtig gut. Auch die Modelle und Anleitungen für Jacken, Mützen, Strümpfe und Handschuhe gehen durch ihre Hand. Strickerinnen fertigen für die Höfers in kunstvoller Heimarbeit

 

 

Strickerinnen, Weber, Spinnerinnen, Mechaniker – die Liste dieser traditionellen Tätigkeiten liest sich wie aus dem Prospekt eines Museumsdorfes. Kaum einer beherrscht heutzutage diese Metiers. Aber die Produkte, die sind begehrt und Trend: die handgestrickte Trachtenjacke, der handgewebte Schafwollteppich aus der handgesponnen Wolle oder die Strickwolle von den Maschinen, die es sonst kaum noch gibt. Hier in einer der schönsten Ecken Deutschlands am Fuß des Wendelsteins, in einem ganz besonderen bayerischen Familienbetrieb hat der Trend Tradition.

Website der Schafwollspinnerei

Anfahrt nach Litzldorf mit dem Auto:

aus München kommend über die A8 Richtung Rosenheim; Ausfahrt Bad Aibling rechts abbiegen Richtung Bad Feilnbach

Adresse:
Schafwollspinnerei Höfer
Aiblinger Str 1
83075 Bad Feilnbach/Litzldorf
Tel: 08066/362

Öffnungszeiten:
Mo-Fr: 9 – 12 und 14 – 18 Uhr
Sa 9 – 11 Uhr

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