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Schäfertreffen in Edinburgh

Eine Frau läuft mit einem Strang Wolle in der Hand an mir vorbei, und ich höre, wie sie der Wolle erklärt: ‚Du kommst jetzt mit mir nach Hause.’ Die Dame mit der Beute ist Renee Callahan, eine Londoner Podcasterin und Strick-Designerin, die am letzten Tag des Edinburgh Yarnfestivals noch einkauft.

Dieser letzte Tag war ein Geschenk – eine gute Idee der Organisatorinnen Jo und Mica, das große Edinburgh Yarnfestival, für Eingeweihte, das EYF, noch etwas größer zu machen und um einen Tag zu verlängern.

Aber einfach nur ein Tag mehr ist es ja gar nicht. In Wahrheit ist es ein eigenständiges kleines Event, das am Sonntag nach dem großen Yarnfestival stattfindet. Viele Besucher und Aussteller sind schon abgereist, wer noch da ist, weiß, dass es heute zu Ende geht und ist zwar erschöpft aber auch gelöst, euphorisch und entspannt. Es ist ja alles erledigt, es kann nichts mehr schiefgehen– es ist ein Tag, um sich ein letztes Mal zu treffen.

Aber auch um noch eine handverlesene neue Gruppe kennenzulernen. Der Tag heißt : ‚Meet your Shepard/ess’. Die Idee dahinter: Es gibt kleine Wollhersteller, – Schäfer, eigentlich – die Garne aus der Wolle ihrer eigenen Herde herstellen, die so klein, oder neu sind, dass sie nicht drei Tage auf dem Wollfestival präsent sein können. Deren besondere Wolle es aber verdient, präsentiert zu werden. Und es hat sich gelohnt. Die Wolle war klasse!

Besonders gut haben mir zwei gefallen:

Zuerst war es natürlich richtig nett, die Varwells von croft 29, über die ich hier schon geschrieben habe, persönlich kennenzulernen. Die beiden haben sich einen Tag von ihrer Farm und den Kindern freigenommen, um die lange Strecke nach Edinburgh zum Yarnfest zu fahren. Die braun-schwarze Wolle ihrer hebridischen Schafe fasst sich gut an, nicht kuschelig aber bestimmt auch nicht kratzig. In verschiedenen Stärken, als Strang oder gewickelt, aber immer mit einem herrlichen Glanz. Ich bin gespannt, wie sie sich verstricken lässt, und ob sie nach dem Waschen noch weicher wird. Für eine Kinder-Trachtenjacke eine schöne Wolle.

 

 

Die anderen Schäfer, deren Wolle ich gekauft habe, kamen von der Whistlebare-Farm, die nur eine gute Stunde von Edinburgh entfernt liegt. Dort gibt es auch Mohair-Ziegen und eine Sockenwolle; Cuthbert’s sockyarn, das zu achtzig Prozent aus strapazierfähigem Mohair und zu zwanzig Prozent aus Wensleydale-Wolle besteht. Der Gedanke, dass Sockengarn nicht unbedingt einen Nylon-Anteil haben muss, gefällt mir gut. Reißen lässt sich der Faden nicht, diese Probe habe ich gleich gemacht. Und noch im Hotel ein Paar Socken angefangen. Ziemlich rutschig ist das Mohair-Garn schon – wenn eine Masche von der Nadel rutscht, ist sie vier Reihen weiter unten bevor man den Mund öffnen kann um ‚Uups’ zu sagen. Ostern habe ich die fertigen Socken gleich an einen meiner Söhne weitergegeben. Auf Berichte über die Tragfähigkeit warte ich nun. Oder auf die Rückgabe mit großen Löchern – ich werde berichten.

 

 

Ein weiteres Highlight an diesem Extra-Tag war Felicity Ford. In der großen Halle stellte sie ihr neues Buch vor, ‚The stranded Colouwork playbook’. In dem sie beschreibt, wie Farben und Muster aus der eigenen Umgebung zu Mustern und in Gestricktes verwandelt werden können. Das ist eine machbare und schöne Art eigene Strickmuster zu entwickeln. Und Felicity Ford ist eine sympathische, enthusiastische und kenntnisreiche Person. Ihre Kreativität und Freude am Umgang mit Wolle und Farbe sind ansteckend. Ein weiteres Plus an diesem geschenkten Tag.

 

 

Insgesamt war es etwas ruhiger. Aber auch heute gab es wieder viel Selbstgestricktes zu bestaunen. Überhaupt ist das EYF die beste Modenschau, die sich eine Strickerin nur vorstellen kann: Tücher in Lace sind stark vertreten, auch in Farbverlaufsgarnen und kunstvollen Kombinationen von beidem. Pullover und Strickjacken werden schaugetragen, Socken oder Mützen sind das Mindeste, was dabei sein muss.

Kritische Stimmen bemängeln, das Yarnfestival sei zu teuer, zu groß, zu voll. So kann man es sehen. Oder so: tolle Woll-Qualitäten, ein beinahe überwältigendes Angebot und Scharen begeistert diskutierender Frauen aus aller Welt. Und das ‚Meet your Shepard/ess’-Ereignis war der richtige Abschluss.

 

 

 

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